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Anweiden - Warum man ein Pony nicht einfach auf die Wiese stellen sollte

Der Frühling ist da. Die ersten Blumen blühen, die Bäume bekommen neue Blätter und die Wiesen werden wieder grün. Nach der langen Winterzeit freuen sich Ponys über jeden Grashalm, den sie ergattern können. Warum lassen wir sie nicht einfach auf die Wiese und gönnen ihnen ein paar Stunden im frischen Grün? Weil sie krank werden würden!


Klingt seltsam, nicht wahr? Pferde, die als Dauerfresser im Sommer und Herbst viele Stunden auf der Wiese stehen (viele Großpferde und junge Warmblüter sogar über Monate hinweg), sollen von dem bisschen Gras, das jetzt zu finden ist, krank werden? Ja, so ist das leider.




Warum macht frisches Frühjahrsgras Pferde krank?

Ihr wisst ja, dass der Pferdebauch sehr empfindlich ist. Und jetzt hat er sich über die Wintermonate an eine Futterzusammensetzung gewöhnt, die hauptsächlich aus Raufutter besteht. Schließlich gibt es hier im Winter kein Gras, so dass wir neben ein paar Kräutern und Mineralien über viele Wochen lang nur Heu und Stroh füttern konnten. Organisch gesehen, haben sich im Magen und Darm der Ponys daher besonders die Helfer-Bakterien vermehrt, die das struppige und zellulosereiche Strukturfutter gut verdauen können. Und die Menge an Bauchhelfer-Bakterien, die frisches Weidegras mögen, ist wiederum stark zurückgegangen. Stellt man ein Pferd mit seiner winterlichen Darmflora jetzt auf das frische Frühlingsgras, wird es das eiweiß- und kohlehydratreiche Saftfutter nicht richtig verdauen können. Es bekäme wahrscheinlich sehr schmerzende Bauchkrämpfe, was man beim Pferd eine Kolik nennt. Und nicht nur das: der starke Eiweiß- und Zuckerüberschuss, der durch die zu geringe Anzahl Weidegras-liebender Bakterien im Bauch entsteht, setzt Giftstoffe im Pferdekörper frei, die bei einigen Ponys zu schweren bis tödlichen Krankheiten führen können.


Man muss Pferde deshalb langsam „anweiden“. Denn es dauert eine Weile, bis sich der Pferdemagen wieder auf frisches Gras eingestellt hat. Wieviel Zeit man seinem Pony geben sollte, hängt von verschiedenen Fragen ab. Hat es auch im Winter und im zeitigen Frühjahr schon ein bisschen Gras fressen können? Ist es sehr dick? Hat es eine Stoffwechselerkrankung? Besonders pummelige und vorerkrankte Ponys muss man sehr vorsichtig und langsam wieder ans Grasfressen gewöhnen.



Wie geht Anweiden?

Im Grunde genommen bedeutet Anweiden, dass man den Pferdebauch mit kleinen Portionen, die alle paar Tage etwas größer sein dürfen, wieder ans Gras gewöhnt. Denn mit jedem Happen vermehren sich die grasliebenden Bauchbakterien in erforderlichem Umfang wieder.


Am besten sollte man sein Pony erst einmal an Halfter und Strick für 10 Minuten am Tag grasen lassen. Nach ein paar Tagen kann man auf 20 min. verlängern. Nach einer 7 bis 10 Tagen kann man sein Pony vielleicht schon eine halbe Stunde alleine auf der Wiese grasen lassen.


Je höher das Gras beim Anweiden steht, umso besser. Denn kurzes Gras hat, besonders wenn es morgens kalt ist, aber auch wenn es zu heiß, zu bewölkt oder zu trocken ist, sogenannten Wachstumsstress. Dann speichern die Halme, die gerne länger werden würden, es aber wegen Frost, Hitze oder zu wenig Wasser gerade nicht können, all ihre Wachstumskraft in ihren kurzen Stengeln und werden zu richtigen Energiebomben. Erst wenn die Halme wachsen, wird das Fruktan vermehrt zu Zellulose umgewandelt. Man sollte deshalb nicht zu früh mit der Gewöhnung ans Weidegras beginnen, sondern warten, bis das Gras schon ein gutes Stück gewachsen ist. Denn langes Gras ist für Pferde deutlich bekömmlicher.





Warum manche Pferde gar nicht oder nur kurz auf die Weide sollten


Sicher wisst Ihr noch, das Pferde aus der Steppe stammen. Obwohl sie schon lange bei uns heimisch sind, ähnelt ihre Verdauung noch sehr der ihrer Vorfahren. Die Hauptnahrung von Pferden und Ponys sollte daher möglichst strukturfaserreich sein, also so "struppig“, wie die Vegetation (Pflanzenwelt) der Steppe. Saftfutter wie frisches Gras, Äpfel und Möhren sollte es eigentlich nur in Maßen geben. Denn auch wenn man langsam angeweidet hat, wird ein Pferd langhalmige Gräser, Zweige mit Blättern, Kräuter und Sträucher stets besser verdauen können, als saftiges, grünes Weidegras.


Vielleicht erinnern sich einige von euch, dass wir im Ponycollege immer von "(Knäcke-)Brot-Weiden" und "Gummibärchen-Wiesen" sprechen, wenn es ums Thema Futter geht. Das soll genau das verdeutlichen: die meisten Ponys dürfen schon etwas Weidegras fressen, so wie wir ab und zu auch etwas Süßes naschen können. Nur zu viel sollte es nicht sein, sonst wird man krank.


Wie für uns besonders Zucker und Stärke, ist der Pflanzenstoff Fruktan für Pferde nicht sehr gesund. Er belastet nicht nur beim Anweiden, sondern eigentlich immer den Pferdeorganismus. Besonders gefährlich ist fruktanreiches Gras für Ponys, die schon einmal Hufrehe hatten oder die an Krankheiten wie EMS, Cushing oder einer instabilen Darmflora leiden. Solche Pferde dürfen wenn überhaupt, dann nur für kurze Zeit bei einer fruktanarmen Witterung (nicht bei kalten Temperaturen unter 5°C, nicht bei extremer Hitze) und am besten erst nach der Gräserblüte auf eine Wiese und sollten möglichst nicht auf abgegraste Flächen, sondern besser auf eine Weide mit überständigem (altem/sehr hohem) Gras gebracht werden.





Habt Ihr noch Fragen zum Thema Anweiden? Dann schreibt uns gerne in die Kommentare, was Ihr wissen möchtet.


Eure Anna und Jessy




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